Sanfte Herzdiagnostik - Computertomographie als Ausschlussverfahren

Quelle: www.swr.de/odysso, 06.07.2017
Kraftwerk Herz - stark, aber verletzlich

Fast 900.000 Mal wird in Deutschland jedes Jahr eine Herzkatheteruntersuchung durchgeführt. Minimal-invasiv – aber doch eine Operation. Die Herz-CT ist eine schonende Alternative.

Klinische Routine: Herzkatheter

Wer seinem Arzt über Schwindel und Herzrasen berichtet oder ein auffälliges Belastungs-EKG hat, der landet hierzulande meist schnell in einem Herzkatheterlabor, um die Ursache der Beschwerden – oder eben auch nur eines auffälligen Testergebnisses – zu finden. Vermutet wird in der Regel eine Stenose, eine Gefäßverengung, in den Herzkranzgefäßen. Dazu wird meist eine Arterie am Handgelenk oder der Leiste punktiert und dann ein dünner Katheter unter Röntgenkontrolle bis zum Herzen vorgeschoben. Eine Routineuntersuchung, minimal-invasiv, aber doch eine Operation mit gewissen Risiken: Häufig kommt es zu Einblutungen und Hämatomen an der Einstichstelle. In selteneren Fällen kann die Untersuchung Herzrhythmusstörungen oder sogar einen Herzinfarkt auslösen. Fast 900.000 Mal wird in Deutschland jedes Jahr eine solche Herzkatheteruntersuchung durchgeführt. Und in der Hälfte der Fälle stellt sich dann heraus: Es gibt gar keine Engstelle, die Beschwerden haben eine andere Ursache.

Schonende Alternative: Computertomographie des Herzens

Für Menschen mit unspezifischen Beschwerden, bei denen eine Untersuchung vor allem eine Erkrankung der Herzkranzgefäße ausschließen soll, gibt es dazu eine Alternative: eine Computertomographie. Dabei wird das Herz unter Gabe eines Kontrastmittels mit Röntgenstrahlen durchleuchtet – moderne Computertomographen liefern dann hochauflösende dreidimensionale Bilder des Organs und ermöglichen es spezialisierten Ärzten, den Zustand der koronaren Blutgefäße zu beurteilen. Auch so läßt sich erkennen, ob es Engstellen gibt oder ob das Herz gesund ist. Die Untersuchung dauert keine 20 Minuten, die Strahlenbelastung ist vergleichbar derer im Katheterlabor – und die Patienten können danach sofort wieder nach Hause gehen. Anders bei der Herzkatheteruntersuchung: Wegen der Nachblutungsgefähr müssen die Patienten noch länger beobachtet werden, meist über Nacht im Krankenhaus.

Studie belegt Sicherheit

Dass die Computertomographie es in Sachen diagnostischer Genauigkeit mit dem Herzkatheter aufnehmen kann, zeigt eine Studie der Berliner Charité, die bislang fast 400 Patienten durchlaufen haben. Mittlerweile beteiligen sich Kliniken aus ganz Europa, spätestens 2019 sollen die Ergebnisse vorliegen. Aber die Berliner sind schon jetzt sicher: Die Abklärung einer koronaren Herzerkrankung per Computertomographie ist sicher, die Gefahr, dass etwas übersehen wird, sehr gering. Denn die Studienteilnehmer wurden über drei Jahre nachverfolgt – diejenigen, die im Herz-CT gewesen waren, hatten nicht häufiger einen Infarkt als diejenigen, die im Herzkatheterlabor untersucht worden waren.

Wertvolle Nebenbefunde

Anders als bei der Herzkatheteruntersuchung wird bei der Computertomographie nicht nur das Herz abgebildet. Die Radiologen erfassen auch weite Teile der Lunge, die Speiseröhre und die Wirbelsäule. So könnten sie zum Beispiel auch Knoten in der Lunge sehen, die ja erst Mal keine Beschwerden machen. Die Patienten profitieren davon, wenn es eine bösartige Veränderung ist, da die Therapie dann früher beginnen kann. Auch Deformationen der Wirbelsäule werden im CT sichtbar – und können mögliche Beschwerden der Patienten erklären, denen man nach der Untersuchung zwar ein gesundes Herz bescheinigen kann, die aber dadurch noch nicht beschwerdefrei sind. Dann sind sie ein Fall für den Orthopäden. Bei allen Vorteilen: Auch eine Computertomographie ist nicht das erste Mittel der Wahl in der Herzdiagnostik. Ganz am Anfang, so Prof. Meinertz von der Deutsche Herzstiftung, sollte ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten stehen. Dann nicht-invasive Untersuchungsmethoden wie EKG und Herzecho (per Ultraschall). Wenn nötig, dann eine Computertomographie – und ein Herzkatheter erst ganz am Schluss, wenn es wirklich nötig ist.

Computertomographie noch kein Standard

Obwohl eine Computertomographie nur etwa halb so teuer ist wie ein Herzkatheter – 750 versus 1.500 Euro – und für die Patienten schonender ist, ist die Computertomographie zur Herzdiagnostik keine Kassenleistung. Dazu muss das Verfahren erst noch vom Gemeinsamen Bundesausschuss – besetzt mit Vertretern von Ärzten, Kassen und Krankenhäusern – in den Leistungskatalog aufgenommen werden. Außerdem sind sich viele Kardiologen dieser Diagnosemöglichkeit nicht bewusst. Und selbst wenn: Es besteht ein Interessenkonflikt. Denn wenn der Kardiologe „seinen“ Patienten zum CT schickt, macht der Radiologe den Gewinn, nicht er selbst. Und es gibt Fehlanreize im Gesundheitswesen: Während die Anschaffung der Geräte teuer ist, verursacht die einzelne Behandlung wenig Kosten, wird aber gleichbleibend hoch honoriert. Je mehr Herzkatheteruntersuchungen ein Kardiologe durchführt, desto mehr Umsatz macht er, das Gerät amortisiert sich schneller, er kommt eher in die Gewinnzone.

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