Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.04.11
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Niederländische Radiologen bauen einen historischen Röntgenapparat von 1896 nach und staunen nicht schlecht über dessen verheerende Wirkung.
Wie erging es den Pionieren der Röntgentechnik, als sie die ersten Aufnahmen mit Geräten machten, die für diesen Zweck gar nicht gebaut waren? Diese Frage hat den Physiker Gerrit Kemerink vom Universitätskrankenhaus in Maastricht zu einem ungewöhnlichen Experiment angeregt. In seinem Team baute er den historischen Apparat wieder zusammen, mit dem 114 Jahre vor ihm ein Physiker und ein Chirurg das denkwürdige Experiment von Wilhelm Conrad Röntgen wiederholt hatten, in dem dieser die später nach ihm benannte Strahlung entdeckte.
Was Kemerink besonders interessierte, war die Strahlendosis, die Patienten damals während einer Untersuchung aufnahmen. Denn trotz aller Euphorie über die diagnostischen Möglichkeiten der Röntgentechnik bemerkten die Ärzte schon innerhalb weniger Wochen zahlreiche Fälle von Hautverbrennungen, Haarausfall und Augenerkrankungen durch Strahlenschäden. Nicht selten verloren Röntgenassistenten im Laufe der Jahre einzelne Finger. Die Geräte, einen Rühmkorffschen Funkeninduktor und eine Kathodenstrahlröhre, fand Kemerink in der Sammlung historischer Messinstrumente der Stadt Maastricht. Für seine Experimente brachte er sie in einen abgedunkelten, elektrisch abgeschirmten Raum - einen Faradayschen Käfig - in der radiologischen Abteilung des Maastrichter Universitätskrankenhauses. Diese Vorsichtsmaßnahme war notwendig, weil die historische Hochspannungsmaschine, der Rühmkorffsche Funkeninduktor, ein breites Spektrum an elektromagnetischer Strahlung emittiert, die möglicherweise empfindliche Messgeräte und Überwachungssysteme in einem heutigen Krankenhaus gestört hätte.
Als „fast magisch“ bezeichnet der Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Radiology“ (doi: 10.1148/radiol.11101899) den Betrieb der altertümlichen Maschine: Der Funkeninduktor schleudert krachende Blitze von einer Metallspitze auf eine Platte, dann zuckt grünliches Licht durch die Kathodenstrahlröhre, und der beißende Geruch von Ozon verbreitet sich im Raum. Die Forscher um Kemerink erlebten offensichtlich einen Teil der Faszination, die damalige Physiker antrieb, mit Gasentladungsröhren zu experimentieren. Jahre vor Röntgens Entdeckung waren die Experimente mit den evakuierten Gasröhren vor allem wegen der Lichteffekte beliebt. Zwischen zwei eingeschmolzenen Elektroden wurden Elektronen durch eine Hochspannung beschleunigt. Trafen sie mit den verbleibenden Gasmolekülen zusammen, waren farbenprächtige Gasentladungen zu sehen. Und beim Auftreffen auf der Glaswand der Röhre erzeugte dies ein grünlich phosphoreszierendes Leuchten. In feinen Gesellschaften und auf Jahrmärkten wurden die Effekte zur Unterhaltung vorgeführt. Erst Röntgen entdeckte, dass in den Gasentladungsröhren auch eine durchdringende Strahlung erzeugt wird, die er wegen ihrer unbekannten Herkunft als X-Strahlung bezeichnete. Sie durchdrang den schwarzen Karton, mit dem er die Röhre abgeschirmt hatte, und - wie sich bald zeigte - auch menschliches Gewebe.
Schon bald nachdem Röntgens Veröffentlichung vom 28. Dezember 1895 erschienen war, bauten Physiker Röntgens Apparatur nach. Den Anstoß dazu gaben häufig Ärzte, die sofort dessen diagnostisches Potential erkannten. So war es auch in Maastricht. Als der Chirurg und Leiter des örtlichen Krankenhauses, Lambertus Theodorus Van Kleef, Röntgens Veröffentlichung las, ermutigte er sofort den Schuldirektor und Physiker Heinrich Joseph Hoffmanns, die Experimente zu wiederholen. Die Geräte waren im gut ausgestatteten Physiklabor der damaligen höheren Schule in Maastricht vorhanden, so dass Hoffmanns schon bald die erste Aufnahme eines amputierten Fußes machen konnte. Eine Woche später durchleuchtete er die rechte Hand von Van Kleefs 21 Jahre alter Tochter Catharina. Das erste Röntgengerät für das Maastrichter Krankenbaus kaufte der Klinikdirektor kurze Zeit später mit privaten Mitteln. Und auch der Schuldirektor hatte Feuer gefangen. Nur drei Wochen nachdem er seine Experimente begonnen hatte, veröffentlichte er die erste Monographie zu Untersuchungsmethoden mit X-Strahlen.
Die damaligen Aufnahmen waren zwar etwas verschwommen, aber in Anbetracht der Einfachheit der Apparatur erstaunlich gut, berichtet Kemerink von seinen Versuchen mit dem wieder in Betrieb genommenen Gerät. Er verwendete die Hand einer Leiche. Der größte Nachteil des historischen Apparates besteht darin, dass er „weichere“ Strahlung emittiert als die heutigen Geräte. Diese energieärmere Strahlung wird von biologischem Gewebe stärker absorbiert, so dass die Dosis zehnmal so hoch war wie bei einer heutigen Untersuchung. Berücksichtigt man zudem die geringere Empfindlichkeit der damaligen Fotoplatten, die eine längere Expositionsdauer erforderlich machten, erhöht sich die bei einer historischen Untersuchung der Hand absorbierte Strahlung auf 74 Milligray. Das ist das 1500fache der heutigen Dosis von 0,05 Milligray. Ist die Aufnahme heute nach 21 Millisekunden fertig, brauchte man damals anderthalb Stunden.
Und
die Strahlenbelastung für das Personal? Auch die ist heute deutlich geringer
als zu den Zeiten der Pioniere. Wie Kemerink in einer anderen, kürzlich erschienenen
Studie („Insights into Imaging“, doi 101007/s13244-011-0074-7) nachgewiesen
hat, sind die Mitarbeiter seiner Abteilung am Arbeitsplatz einer geringeren
Strahlendosis ausgesetzt als in einer durchschnittlichen holländischen
Wohnung. Für seine Studie berücksichtigte er neben der Röntgenstrahlung auch
kosmische und terrestrische Strahlung sowie das Element Radon. Es ist ein Zerfallsprodukt
des Urans und wird vom Boden und von bestimmten Baumaterialien abgegeben. Im
Krankenhaus wird
entstehendes Radon durch die Belüftungsanlage ständig entfernt. Die gute Isolation
des Fundaments verhindert, dass aus dem Boden aufsteigendes Radon in die
Kellerräume gelangt. Da das Gebäude dicke Böden aus Beton besitzt, wird auch
wesentlich mehr kosmische und terrestrische Strahlung absorbiert als in einem
Wohnhaus.