Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.11.11
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Frau S. geht zum Arzt. Sie will wissen, warum sie so vergesslich geworden ist.
Die Untersuchung ergibt Verdacht auf Alzheimer.
Noch kann sie die Krankheit ignorieren, nicht aber die Diagnose.
Amalie S., achtzig Jahre alt, das grau-weiße Haar mit einem Reif über dem Scheitel zurückgesteckt, hat ein gutes Gedächtnis. Nur eben nicht immer. Sachen, die sie sich vor kurzem gemerkt hat, ein Name, ein Termin, ein Weg, sind einfach weg, nicht nur verschüttet. "Das bin ich nicht gewohnt", sagt sie, "es ist ein bisschen schnell gegangen."
Sie sitzt in der Gedächtnissprechstunde des Alzheimer-Spezialisten Dr. Martin Haupt in Düsseldorf, auf einem Teppich, dessen Muster an Sigmund Freuds Wiener Divan erinnert, sehr gerade trotz der Rückenschmerzen, die sie seit Jahrzehnten verfolgen. Zum angebotenen Glas Wasser bestellt sie eine Aspirin. Jeden Tag nimmt sie eine, "dann hat es sich" - ihre Lieblingsformulierung. Nur heute Morgen hatte sie die Tablette vergessen.
"Welche Medikamente nehmen Sie außerdem noch?", fragt Martin Haupt, ein großer freundlicher Mann mit hoher Stirn, hinter seinem Wagenfeld-bestückten Eichenholzschreibtisch. Amalie S. zögert. Den Namen ihres Zuckermedikaments kann sie sich nicht merken und kramt in ihrer Handtasche, in der sie einen Schachtelausriss verstaut hat.
Die Umgebung der Praxis kennt sie gut. Wenige Meter entfernt hat sie ihr Auto geparkt - im Hof des Franziskanerklosters, in dem sie ehrenamtlich das Essen für Bedürftige ausgibt. Im nahegelegenen Krankenhaus hilft sie seit vierzehn Jahren bei der Blutspende. Um sich abzulenken, fährt sie Auto, Tag für Tag, quer durch Düsseldorf, bis in die Dörfer hinein. Manchmal kommt sie beim Dahintreiben plötzlich zu Bewusstsein und weiß nicht, wie sie hierhergekommen ist. Am meisten irritiert sie, dass sie seit etwa einem Jahr Gespräche komplett vergisst. Vor kurzem hatte sie sich mit ihrer 93 Jahre alten Nachbarin im Seniorenheim auf eine Stadtfahrt verabredet. Doch die alte Dame wartete vergeblich mit dem Rollator vor der Tür. "Sie wollten es sich doch aufschreiben", sagte die Nachbarin später, aber auch das hatte sie vergessen.
Als Beruf gibt Amalie S. "Kinderkrankenschwester" an, aber seit ihrer Hochzeit in den Fünfzigern arbeitet sie nicht mehr in der Uniklinik. Sie ist in das Geschäft ihres Mannes eingestiegen und hat nebenher fünf Kinder großgezogen, alles Mädchen, die heute zwischen vierzig und sechzig Jahre alt sind. Sie alle stehen im Beruf und haben so wenig Zeit für ihre Mutter wie diese früher für sie.
Letzte Woche hat sie ihr Testament gemacht, erzählt sie zufrieden. Ihr Vermögen wurde genau aufgeteilt, und die Töchter, alle unverheiratet, haben beim Notar der Reihe nach unterschrieben. So kann es keinen Streit geben. Sollte sich ihr Zustand verschlechtern, braucht sie von ihrem Seniorenheim nur ins anliegende Pflegeheim umzuziehen. Das hat sie alles geplant. Martin Haupt nickt.
"Sieben-Drei-Eins-Fünf", sagt Amalie S. leichtfertig. Martin Haupt ist zum Demenz-Detektions-Test übergegangen, und auch beim zweiten Versuch gelingt es ihr nicht, die Zahlenreihe "Fünf-Drei-Eins-Sieben" richtig rückwärts aufzusagen. Von den zehn Merkbegriffen kann sie sich nur vier behalten, beim Aufzählen von Lebensmitteln im Supermarkt gerät sie ins Stocken. Sie kaufe ja kaum noch ein, sagt sie trotzig, mittags esse sie meistens auf dem Carlsplatz, und sonst brauche sie nicht mehr viel.
Für Martin Haupt ist eine Gedächtnisstörung unabweisbar, Aufschluss soll eine Kernspintomographie erbringen. "Der Kopf muss in die Röhre", sagt der Arzt, weil Amalie S. ihn fragend anblickt. Momentan sei er zumindest unsicher, ob eine Demenz vorliege. "Danke schön, das beruhigt mich schon mal", sagt Frau S. Man hatte ihr gar nicht angemerkt, dass sie viel Schlimmeres befürchtet hatte.
Beim Verlassen des Ärztehauses wäre Amalie S. über die Wendeltreppe fast unten im Keller gelandet, wenn eine Rezeptionistin sie nicht gewarnt hätte. "Wäre mir auch egal gewesen", sagt sie unwirsch und stapft wie eine Boulevardschauspielerin nach gelungener Pointe nach draußen.
Auf dem Weg zum Café-Restaurant bei Karstadt ignoriert sie eine rote Fußgängerampel. Im Restaurant wird sie in kurzem Abstand von zwei Mitarbeiterinnen zurechtgewiesen. Die eine versucht, Frau S. auf einen Kaffeeautomaten hinzuweisen, vor dem keine Leute stehen, und erhält zu ihrem Erstaunen eine Abfuhr ("Da kann ich die Schrift nicht lesen"), die andere sagt ihr freundlich, dass die Kasse, die sie angesteuert hat, nicht besetzt ist. Frau S. dreht sich weg, als sei es ein Witz auf ihre Kosten. Später, im Sitzen gewinnt sie wieder an Statur und beginnt mit der Vorbemerkung "den ganzen Brassel kann sich ja heute keiner mehr vorstellen" ihr Leben zu erzählen.
Mit 22 Jahren hat sie gegen den Willen der streng katholischen Eltern den 18 Jahre älteren und geschiedenen Albert S. geheiratet. Die Eltern sagten, wenn sie aus der Tür ginge, brauche sie nicht mehr wiederzukommen. Sie sagte "Tschüss" - die Abschiedsbewegung wiederholt sie sechzig Jahre später noch mit Temperament - und ist gegangen. Weil Alberts Metzgerei nach dem Krieg daniederlag, begann er, die Schlachthöfe der Gegend nach Tierresten abzufahren, auszukochen und das Fett in 200-Liter-Behälter zu füllen. Mit Tierfett, dem Beuysschen Urstoff, ging es aufwärts. Zusammen mit seiner Frau belud er 7,5-Tonner und fuhr in die Betriebe. Die Fette haben die Motoren der Nachkriegszeit geschmiert und bei Henkel die Waschmittel verdickt. Es war eine sehr harte, schmutzige Arbeit, die Frau S. den Rücken kaputtgemacht hat.
Ende der siebziger Jahre verschlechterte sich der Gesundheitszustand ihres Mannes, und er baute eine Tennishalle auf, um mit ihr dort "den ganzen Tag zu sitzen und nachmittags zu kassieren", wie er sagte. Später kamen eine Sauna und ein Schwimmbad hinzu. Die Sache lief gut. Es war die Zeit von Boris Becker und Steffi Graf. Heute sagt Frau S., sie hätten das Ganze nie anfangen dürfen. Hinfort sei sie Putzfrau auf einer Fläche von 7000 Quadratmetern gewesen, dazu Wirtin und Kellnerin in einem. Morgens halb vier habe sie oft noch die betrunkenen Honoratioren nach Hause kutschiert.
Als Albert, der einen Herzschrittmacher bekommen hatte, später auch an Parkinson und Krebs erkrankte und bettlägerig wurde, verkaufte Amalie S. die Tennishalle. Oft wachte ihr Mann nun morgens schweißgebadet auf, weil er meinte, ein Lkw müsse noch beladen werden. Wenn sie ihn beruhigte, es sei alles erledigt, antwortete er: "Siehst du, eine gute Organisation ist alles." Nach seinem Tod baute sie, unmerklich wohlhabend geworden, das Haus in der Düsseldorfer Altstadt um, das sie seither neben weiteren Wohnungen vermietet.
Mit aufreizend sicheren Bewegungsabläufen chauffiert sie einen sechs Jahre alten VW Turbodiesel mit 150 PS und 140 000 selbstgefahrenen Kilometern durch Düsseldorf. Auf der Kö wechselt sie mit anziehendem Tempo die Spuren, nicht ohne über die flanierenden Konsumrentner mit den hellen Hosen zu spotten, schlimmer findet sie nur noch diejenigen, die jammern. Mit überhöhter Geschwindigkeit fährt sie durch eine Zone 30 und parkt fließend rückwärts in eine enge Lücke ein. Hier, wo der Rhein breit und ruhig fließt und die Stadt in ein Dorf übergeht, ist ihr Lieblingschinese.
Bei einer Cola mit Blick auf den Fluss erzählt sie die Jahre als Kinderkrankenschwester, 1945 folgende. Sie kümmerte sich damals um die leukämiekranken Kinder, die man noch nicht heilen konnte, wie sie sagt. Fast alle starben. Sie musste dabei helfen, die toten Kinder zu waschen, "Körper, denen man so sehr das Leben gewünscht hätte", sagt sie. "Wahrscheinlich bin ich deswegen so hart geworden." Amalie S. hat zwei Jungen durch Unglücke verloren. Früher verkündete sie übermütig, sie werde hundert Jahre alt, kürzlich hat sie lebenserhaltende Maßnahmen ausgeschlossen. Nur die geplante anonyme Bestattung haben ihr die Töchter wieder ausgeredet. Sie sagte: "Wenn ihr eine richtige Beerdigung wollt, müsst ihr sie aber auch selbst bezahlen."
Eine Woche später. Amalie S. ist durchleuchtet worden, die Bildergebnisse liegen vor. Martin Haupts Freundlichkeit wirkt eine Spur zu förmlich, Amalie S. fast fahrlässig sorglos. Auf einem Laptop breitet der Arzt ihr Gehirn aus, auf das sie blickt wie auf ein stumpfes Spiegelbild. In Schichten geht es im Zweimillimeterabstand von unten nach oben: Die Ohrläppchen, die Nase, Wangenmuskulatur, der Nacken, das Kleinhirn, die Augen, der Schläfenlappen, der Hirnstamm, die Stirnhöhle, das Gehirn. Innere Hohlräume werden erkennbar, "kein Problem", sagt der Arzt, "die sind wichtig". Kleine helle Flecken erscheinen, fremd und ungestalt zwischen all dem Grau. Das sind Gefäßveränderungen, Anzeichen für Durchblutungsstörungen, sie würden die Konzentrationsschwierigkeiten erklären. "Leider gibt es noch einen anderen Punkt", sagt Martin Haupt gedämpft, und Amalie S., die sich die ganze Zeit über mit Zwischenfragen der bedrückenden Situation erwehrt hat, wird still.
Der Arzt zeigt ihr den Schläfenlappen, in dem Gedächtnis und Informationsaufnahme beheimatet sind. Im Hippocampus, Teilbereich und Zentrale, werden Informationen nach ihrer Relevanz unterschieden: Was merke ich mir und was nicht. "Er sollte diesen ganzen Bereich hier ausfüllen", sagt Martin Haupt. Er hat sich aber verkleinert. Da, wo es dunkel ist, ist Wasser statt Gewebe. "Das nennen wir eine Atrophie, eine Schrumpfung des Hippocampus, bei Ihnen auf der rechten Seite und eine geringere auf der linken", sagt Martin Haupt. In den Augen von Amalie S. wird es kurz dunkel.
Man kann Alzheimer nicht sehen, man kann die Krankheit nicht einmal mit medizinischen Verfahren sicher feststellen, die Krankheit ist wie ein Käfer in einer verschlossenen Schachtel. Selbst das bekannteste Erkennungsmerkmal, die amyloiden Plaques in der Hirnrinde, können völlig ohne Symptome bleiben, wenn das Gehirn noch widerstandsfähig genug ist. Der verkleinerte Hippocampus gilt als der stärkste Risikofaktor für Alzheimer. "Wenn wir nichts tun, würde sich das Vollbild in einem Jahr oder zwei entwickeln. Sie haben die ersten Anzeichen."
Amalie S. knickt mit dem Oberkörper ein, der Blick wird kindlich. Alle Härte fällt ab von ihr. In die Milde hinein erklärt Martin Haupt, was jetzt zu tun ist: Medikamente und viel Flüssigkeit einnehmen, Hirnleistungstraining, körperliche Bewegung. Die Medikamente sollen die Leistung der verbliebenen Nervenzellen optimieren und damit den Schwund ausgleichen. Achtzig Prozent der Patienten sprechen darauf an und können ihren Zustand stabilisieren. Ein weiterer Termin wird ausgemacht. Es werde sonst zu viel, meint Martin Haupt.
Missmutig verlässt Amalie S. die Praxis. Im Treppenhaus scheint sie vor den Stufen fast zurückzuschrecken, als hätten die sich plötzlich aufgebäumt. Vorsichtig setzt sie einen Schritt vor den nächsten, bemängelt, dass der Handlauf auf der falschen Seite montiert sei. Diesmal findet sie den verwinkelten Ausgang ohne Hilfe, wortlos geht sie zum Parkplatz.
Mit Dauerkarte geht es in die Tiefgarage unter Düsseldorfs Zentrum, Ziel ist ein Café am Rhein. Beim Erreichen des prallen Sonnenlichts - es ist mit 32 Grad Celsius einer der heißesten Tage des Jahres - hat Amalie S. einen Tiefpunkt. Zum ersten Mal hält sie inne. Wieder ist alles voller Stufen, aber sie nimmt sie dann doch. Am Rheinufer angelangt, geht sie zwischen den Stühlen der Cafés hindurch, direkt auf Kellner zu, die ihr verwundert ausweichen.
Die Krankheit zertrümmern, das wäre es, so wie es damals der Arzt wollte, als sie an Gallensteinen litt. Das schien ihr in der heißen Tennishallenphase unmöglich. Sie lehnte jeden Eingriff ab und fuhr voller Wut - worüber eigentlich? - nach Hause. Dort angelangt waren die Beschwerden plötzlich verschwunden und kehrten nicht wieder. Sie glaubt bis heute, dass es ihr Wille war. Zertrümmern, das wäre das Ideal - bei Demenz aber fruchtet es nicht. Es gibt nichts Schädliches zu zerstören, die Plaques lassen sich nicht vom Gehirn lösen. Irgendwann verliert es den Kampf, der Rückgang scheint nur mit sanften Mitteln zum Verlangsamen gebracht werden zu können: Musik, Bewegung, manche sagen Gingko. Zu alldem hat Amalie S. keine Beziehung. Sie hört während des Autofahrens nie Radio.
Das Café im Schifffahrtmuseum, oben im ehemaligen Schlossturm, ist angenehm kühl, man hat einen weiten Blick über die Stadt. Dort setzt sie sich auf einen harten Stuhl und streitet ab, dass ihr der Befund zu schaffen mache. "In keinster Weise" sei sie gedrückt. Nur das Wetter setze ihr zu, sagt sie und wischt sich mit einem Taschentuch durchs Gesicht. "Vor was soll ich Angst haben?", sagt sie, "ich habe 1946 an der früheren Frontlinie in all dem Matsch meinen Vater gesucht, das war furchtbar." Will sie die Kinder einweihen? "Nur, wenn sie fragen." Statt der 7,60 Euro gibt sie der Bedienung zehn.
"Sie werden sehen, dass diese Generation nicht über Gefühle spricht", hatte Martin Haupt am Vormittag prophezeit. "Ich habe in ihren Augen eben schon so etwas wie Angst gesehen. Ihr Zustand kann sich jederzeit verschlechtern. So etwas spürt ein Patient auch." Das alles wollte er mit Amalie S. in der Sitzung am 18. Juli besprechen. Sie kommt aber nicht. Sie hatte es sich nicht aufgeschrieben.
Am 16. August kommt sie wie verabredet. Mit ihrer mittleren Tochter und einer Narbe auf der Nase. "Ich stehe unter Aufsicht", sagt sie trocken. Bei einem Restaurantbesuch ist sie im Kreis der Familie zusammengebrochen und hat sich mehrfach übergeben. Eine Woche später ist sie auf dem Bürgersteig kollabiert und hingeschlagen, die Nase hat geblutet, in der Schulter und auf den Knien hat sie große Hämatome. Schwindlig sei ihr gewesen, seit sie das neue Medikament genommen habe, und oft übel. Angerufen hat sie die Praxis nicht, wohl aber das Alzheimer-Mittel auch auf Anraten der plötzlich dauerpräsenten Töchter abgesetzt.
Sie spricht jetzt sehr entschlossen, die Handtasche griffbereit, man merkt, dass sie wegwill. Das Medikament will sie nicht mehr nehmen und auch sonst keine Experimente mehr machen vor ihrem dreiwöchigen Urlaub nach Vietnam, Kambodscha und Thailand. Die Kinderdörfer will sie sehen, für die sie seit Jahren spendet. Sie will wieder Auto fahren. Die Tochter sagt: "Sie hat so viel geleistet, da darf sie auch mal etwas vergessen." "Natürlich darf sie das", sagt Doktor Haupt, erinnert aber an die Bildergebnisse. Auf die Nebenwirkungen im Magen-Darm-Bereich hatte er hingewiesen, derart massive Einflüsse seien aber selten. Nach dem Urlaub könne man über ein anderes Medikament nachdenken. Frau S. sagt "gut", erhebt sich, die Verabschiedung fällt knapp, fast frostig aus. Das Thema Alzheimer ist für sie erst einmal vom Tisch.
Über den gesamten Oktober hinweg meldet sich Amalie S. nicht in der Praxis. Den Urlaub hat sie gut überstanden, bei einem Sturz auf einer Schiffstreppe hat sie Glück gehabt. Niemand durfte ihr aufhelfen, sie hat sich alleine hochgerappelt. Auf Bildern von der Reise sitzt sie zufrieden und andächtig inmitten von sonnigen Tempel-Ornamenten. Nach einer Herzuntersuchung hat ihr ein Arzt zum Schrittmacher geraten, da habe sie gewusst: "Jetzt ist Schluss. Kein Schrittmacher, keine Alzheimer-Medikamente." Bei den Johannitern hat sie einen mobilen Notruf bestellt, den sie als Uhr tragen kann.
"Es ist nicht untypisch, dass sich jemand nach einer so früh gestellten Diagnose erst einmal zurückzieht", sagt Martin Haupt später am Telefon. "Der Patient wartet, bis der Zustand schlechter wird, und kommt dann wieder. Es ist aber leider absehbar, dass sich der Zustand von Frau S. bald verändern wird, und das wird wahrscheinlich sehr schmerzhaft für sie."
Amalie S. steigt in ihren VW, inzwischen stehen fast 148 000 Kilometer auf dem Tacho, der Tank ist halb voll. Vor der Parkhaus-Schranke würgt sie den Wagen ab, sie ist unsicher heute. Sie biegt in die Jägerhofstraße, verlässt die Stadt in Richtung Grafenberger Wald. In dem Tierpark auf der Höhe war sie oft mit den Kindern. Sie fährt heute sehr stockend und sagt immer wieder leicht stöhnend "ach ja". Sie würde gern schneller vorwärtskommen, drückt aufs Gaspedal und nimmt dann doch den Fuß zurück, um das Tempolimit nicht zu überschreiten. Ein Ausgleich gelingt ihr nicht. Bei den vielen Pferdestärken gibt es ein ordentliches Ruckeln.
Sie weiß noch nicht, wann sie abbiegen wird, sie lässt sich treiben. Von ihr aus kann es erst einmal so weitergehen. Sie will nicht die Hauptfigur einer Alzheimer-Krankengeschichte sein.